Im Osten nichts Neues

Im Osten nichts Neues

Es ist der 22. August. Ich bin auf den Tag seit 11 Wochen unterwegs. In Irkutsk regnet es und fallen die ersten Blätter. Der Baikal liegt hinter mir, aber Deutschland noch in weiter Ferne.

Ich habe fast 14000 km und damit gerade einmal knapp über die Hälfte der diesjährigen, voraussichtlichen Strecke zurückgelegt. Auf den nächsten 5000 km werden mich Krasnojarsk, Tomsk, Nowosibirsk, Omsk, Tjumen, Irbit (Ural-Werk), Jekaterinburg, Perl und Kasan der Heimat Step by Step wieder näher bringen. Der "Goldene Ring", auf meiner Tour in 2020 Corona zum Opfer gefallen, wäre nordöstlich von Moskau gelegen in greifbarer Nähe und so werde ich ihn in meine Tour integrieren. Dann wären es von Irkutsk aus allerdings noch fast 11000 km. Mein Visum läuft bis zum 16.12.2025. Zeit hätte ich von daher also genug.

Seit ich den Grenzbereich nach Russland und damit den Habitus der dort Dienenden hinter mir gelassen habe, wodurch zuerst einmal Erinnerungen an alte DDR Grenzkontrollen geweckt und erneut bestätigt worden sind, ändert sich dieser Eindruck von Tag zu Tag und stellt das dort erlebte unfreundliche, von „Oben-herab-Verhalten“ mehr als in den Schatten. Ich bin keinesfalls irgendwo in der Pampa, irgendwo wo nur Winter ist, da wo man Sträflinge hinbrachte, wo es keine Zivilisation oder funktionierende Infrastruktur gibt. Ich bin in einer mir gegenüber offenen modernen Gesellschaft unterwegs, die sich zuweilen sogar interessiert zeigt an dem wie und warum ich in Russland unterwegs bin. Ich bin seit einer Woche in Russland, nicht in Sankt Petersburg oder Moskau, die Woche im Altai jetzt mal nicht mitgerechnet, und bereue bis dato nichts, sondern bin froh, dass ich trotz der Widrigkeiten das Glück habe dies, wenn man so will, noch erleben darf.
Erneut bestätigt sich mir, dass das Bild das man manchmal von Anderen, auch durch Andere, (bekommen) hat nicht immer der Realität entsprechen muss, im Grunde nicht tut, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Womit ich mir selbst die Frage stelle, ob ich gelegentlich mehr, auch mich selbst hinterfragen und mich nicht ab und zu dem Mainstream hätte hingeben sollen.