Ich fahre seit Stunden durch Wälder aus Fichten, Kiefern und Birken. Birken manchmal so weit das Auge reicht und scheinbar der einzige Laubbaum in diesen Breiten. Fährt man in Europa stundenlang durch Äcker und Felder fährt man hier durch Wald, gelegentlich unterbrochen durch eine Kreuzung, eine Tankstelle, angrenzend dann meist mit Schotterplatz und ein oder mehreren Cafés oder einem Dorf mit vereinzelt leerstehenden, langsam verfallenden Holzhäusern.
Krasnojarsk ist eine Stadt in die ich kein zweites mal muss. Sie ist laut, hat keinen Charme und außer den Kirchen keine wirklich historischen Gebäude, außer in typisch sowjetischer Bauart. Im Hotel erklärt man mir, dass das Internet vorübergehend nicht funktioniere und tauscht man einen Blick als ich nach den Sehenswürdigkeiten frage. "Welche Sehenswürdigkeiten?" scheint er zu sagen und man schickt mich zur Promenade an den Yenisey. Auf dem Gehweg vor einem Pub trinke ich ein Bier. Offenbar an der Poser-Meile. Die Phonstärken der Motorräder erinnern an Düsentriebwerke. Am Nachbartisch sitzen drei laute, aufgespritzte "Tussis" mit dümmlichem Lachen.

Ja, ich bin genervt. In Nischneudinsk, einem kleinen Ort in dem ich zuvor übernachtet hatte, erwarte ich nichts, im Gegenteil, aber ich hatte ein Guesthouse das sich bei schmalen Geld überaus propper darstellte. Moderne Einrichtung, super Matratze und funktionierendes Internet. Nicht im Zimmer, aber wenigstens im Foyer. In Krasnojarsk habe ich 4 Sterne gebucht. Nicht ganz das schmale Geld, aber noch okay. Aber lieber Guesthouse mit funktionierendem, als 4 Sterne ohne Internet.
Das Highlight für diesen Tag.

Um zu einem Hotel zu kommen wird in der ZenHotels-App ein link zu Google bereitgestellt, bei Booking auch Maps.me, eine gute Alternative zu Google, was in der Vergangenheit auch immer gut funktioniert hat. Nun hat Google in Russland ein paar Probleme, genauer gesagt es funktioniert nicht so genau, entwickelt manchmal ein Eigenleben und das Herunterladen von Offline-Karten ging anfangs auch nicht. Verliert Google während der Fahrt ohne Internet die Adresse des Hotels, verliert man auch das Ziel. Mein inneres Navigationsgerät erinnert sich zwar noch in welchem Teil von Nischneudinsk sich die Unterkunft befindet, aber herumfahren in der Hoffnung irgendwann ein Gebäude zu finden das man vage im Kopf hat? Ich hoffe in einem kleinen einfachen Restaurant ähnlich einer Kantine auf einen Internet Zugang, aber Fehlanzeige. Ich frage einen Gast mit meiner Übersetzer App, wenigstens die funktioniert ohne Internet, ob er wisse wo ich die XY Straße finde. Er wolle auch dorthin, deutet er an, ich möge ihm folgen und wenig später stehe ich vor meiner Unterkunft.
Es nervt, weil ich merke wie abhängig man vom Internet geworden ist. Ohne Internet keine Verbindung in die Heimat zu Familie und Freunden. Ohne Internet kein Zugriff auf Hotels. Ohne Internet keine Routenplanung. Meine Tour-App, mit der ich meine Touren am PC plane, und Maps.me kennen nur wenige Hotels was bedeutet, dass ich via Satelliten Modus eine Ortsübereinstimmung zwischen Google und meiner App bzw. maps.me finden und diese dann übertragen muss. Genau das wollte ich mit der nächsten bereits gebuchten Unterkunft. Und dann nervt es eben, wenn man in einem 4-Sterne Hotel kein Internet hat. Erst recht nervt dann auch lautes dümmliches Lachen.
Am Ende ist es dem Hoteldirektor ein 3-Gänge Menü „Boeuf Stroganoff“ als kleines Entgegenkommen wert.
Regentropfen prasseln an die Scheiben meines Zimmers und auf mein Gemüt. Gefangen in einer fremden Stadt, die abzulehnen ich innerlich bereits beschlossen habe. Abgeschnitten. Ob mit oder ohne Internet. Ich bin nicht Diogenes, dem reichte ein Fass. Mich engt das Zimmer ein, obwohl ich es schon deutlich kleiner hatte. Ein gewisser „Ich will nach Hause“-Blues macht sich breit.
Von Krasnojarsk nach Tomsk sind es bei einer Fahrzeit von über 8 Stunden ohne Pausen mehr als 600 km. Zuviel und so übernachte ich in Atschinsk, knapp drei Stunden hinter Krasnojarsk. Wieder ein Ort von dem ich nichts erwarte, mich aber auch das Hotel nicht enttäuscht.
Fielen in Irkutsk vor 5 Tagen die ersten Blätter erlebe ich nun bereits einen Herbst, den man in Deutschland mit einem kalten schmuddeligen Oktobertag vergleichen könnte. Fast ein wenig „Indian Summer“ nur ohne Sonne, dafür mit Regen. Ich habe erstmals meine komplette Wetter Kombi und wärmere Handschuhe angezogen. Die nächste Stufe wird dann nur noch die Merino Unterwäsche werden können. Kurz vor Tomsk kommt dann wieder die Sonne etwas raus und es wird wieder wärmer.

Tomsk gefällt mir auf Anhieb um Längen besser als Krasnojarsk. Hier könnte ich sogar länger bleiben und dann auch gleich, nach mittlerweile 16.000 km, den fälligen Service für mein Motorrad machen lassen. Beabsichtigt habe ich das erst in Nowosibirsk, aber länger als für ein Sightseeing brauche ich im Augenblick kein zweites Krasnojarsk, obwohl es in Nowosibirsk etwas gibt, das ich mir bei gutem Wetter gerne ansehen möchte. An der Rezeption hat man schnell eine nicht weit entfernte Werkstatt ausfindig gemacht und so werde ich dort morgen mal vorbeischauen.
Ein echter Veteran - und er darf es sein 
Der erste Bummel durch die nähere Umgebung zeigt, dass Tomsk keine junge, sondern eine der ältesten Städte Russlands ist. Sehr viele Holzhäuser aus der Zeit Ende 19. / Anfang 20. Jahrhunderts, teilweise aber auch in einem schlechtem Zustand. Die Straßenbahnen fahren gefühlt auf ähnlich alten Schienen was natürlich nicht stimmt, aber viel über die Qualität des öffentlichen Personennahverkehrs aussagt.
Lenin Avenue - Hauptstraße
Lenin Square
Theater
gleich nebenan
Bis zur Verlegung der transsibirischen Eisenbahn nach Nowosibirsk war Tomsk eine gut aufgestellte Stadt, geriet dann aber zusehends in den Schatten des durch die Verlegung aufstrebenden Nowosibirsk. In der so genannten „zweiten Reihe“ habe ich an vielen Stellen das Gefühl als sei die Zeit stehen geblieben. Die alten Holzhäuser, auch wenn man es ihnen zum Teil nicht ansieht oft noch bewohnt, werden dadurch zu eine Art Hommage an eine längst vergangenen Epoche.



Eine knappe halbe Stunde nördlich von Tomsk, bis 1989 selbst eine geschlossene Stadt die nicht von Ausländern besucht werden konnte, befindet sich das 1949 gegründete Swersk. Die Existenz von Swersk, anfangs nur unter dem Pseudonym "Postfach-5" und "Tomsk-7" bekannt, wurde bis 1989 geheim gehalten. da man dort eine kerntechnische Anlage errichtet hatte. Auch heute noch kann man die Stadt nur mit einem Passierschein erreichen. Es gibt daher für mich keinen Grund da nicht wenigstens einmal hingefahren zu sein auch wenn ich nicht weit kommen werde.
2009 wurde bekannt, dass aus Frankreich seit den 90er Jahren und aus Gronau (Westfalen) bis 2008 Atommüll dorthin transportiert worden ist. Heute ist die Chemieindustrie größte Arbeitgeber in Swersk.
