Ich habe die Passhöhe im Dritten Abschnitt meiner zusammengerechnet bis dato knapp über 7 Monate dauernden Reise erreicht, liegen bereits weit über 30.000 km hinter mir.
Auf den Tag vier Wochen später als gedacht treffe ich in Ulan Bator ein. Einem langen Anstieg folgt nun eine zwar schnellere Abfahrt, aber noch liegen mehrere Zeitzonen, Russland hat insgesamt 11, und mehrere tausend Kilometer vor mir.
Der zwischenzeitlich gefühlte „Zeitverlust“ relativiert sich zurückblickend und aus dem kleinen Verlust wird ein großer Gewinn. Alles was bis hierhin war, was ich erlebt habe, wem ich begegnet bin möchte ich nicht missen.
In Ulan Bator, auf mongolisch Ulaanbaatar, was „Roter Held“ bedeutet, leben heute mehr als 1,7 Millionen Menschen und damit mittlerweile etwa 50% der Gesamtbevölkerung. Etwa ein Viertel der Gesamtbevölkerung lebt als Nomaden. Das Durchschnittsalter beträgt in Ulan Bator keine 25 Jahre. In der restlichen Mongolei liegt es bei fast 27 Jahren. Nicht von ungefähr komme ich mir in Ulan Bator also ziemlich alt vor, habe ich zwischenzeitlich sogar das Gefühl als liefe ich über einen riesigen Campus. Als Mongole würde ich durchschnittlich betrachtet sogar nicht einmal mehr leben.

Die Nomaden sitzen beim Hüten ihrer Tiere nicht im Sattel eines Pferdes sondern überwiegend im Sattel eines Motorrades oft chinesischer Bauart. Motorräder bis 250 ccm sind in der Mongolei also keine Seltenheit, Motorräder wie sie in Europa unterwegs sind sehe ich, außer in Ulan Bator wo es eine kleinere Motorradszene gibt, hingegen eher sehr selten. Meine Yamaha Tenere 660 von 2013, in Europa eher unscheinbar, zieht egal wo ich stehe bei Jungen und Männern außerhalb von Ulan Bator bewundernde Blicke auf sich. Da wird auch schon mal der Motor berührt, das Bremspedal in die Hand genommen, anerkennend auf einen Koffer geklopft oder zusammen mit sich ein Foto gemacht. Allein ich selbst bin mittlerweile in einigen Handys in der Mongolei aber auch in Japan oder Korea verewigt.
Bevor ich aber im Moloch der Millionenstadt meine „Zelte“ aufschlage fahre ich noch zu drei Sehenswürdigkeiten ein kleines Stück Richtung Osten. „Turtle Rock“, ein großer Felsen im Nationalpark Terelj, der einer Schildkröte ähnelt, ganz in der Nähe der buddhistische „Aryapala Tempel“ und 50 km weiter östlich das größte Reiterstandbild der Welt von Dschingis Khan.
Apropos Zelt, das wird wohl im Koffer bleiben denn die Luftmatratze hat zwischendurch vermutlich am Ventil Luft verloren. Eine harte Unterlage hatte ich bis jetzt ja auch in jeder Jurte, aber dafür etwas komfortabler.
"Turtle Rock"
"Aryapala Tempel"


Die Gegend um den „Turtle Rock“ erinnert mich ein wenig an die sächsische Schweiz. Das erste Mal sehe ich so etwas wie kleinere Tannenwälder. Für die Mongolei ist es offenbar das Erholungsgebiet schlecht hin. Im langgestreckten Tal reihen sich die Jurt-Camps wie Perlen an einer Kette. Reisebusse, überwiegend mit Koreanern und Japanern besetzt, sehe ich hier in der Mongolei auch zum ersten Mal. Es ist schwierig ein Foto mal ohne Menschen machen zu können. Warten ist dann das Gebot der Stunde, sowohl beim Tempel, als auch beim Reiterstandbild.

Dort werde ich von einem Security angesprochen als ich gerade meine Drohne zur Landung bringe. Er kommt zu mir, tippt 150.000 in sein Handy und fordert mich auf an der Kasse im Inneren des Standbildes zu bezahlen. Da draußen nirgends ein Schild zu sehen ist, er mir auch keines zeigen kann, drehe ich mich um und gehe, sein Rufen ignorierend, zum Motorrad zurück.
Zwei italienischen Drohnenpiloten ergeht es ähnlich, aber auch sie bezahlen nichts. Ich schließe meine Drohne im Motorradkoffer ein und gehe zurück, denn rein möchte ich ja auch noch. An der Kasse treffe ich die beiden Italiener. Wir zahlen jeweils den geforderten Eintrittspreis von 20.000 Tögrög, eine weitere Zahlung für unsere Drohnen obwohl man auf das entsprechende Schild an der Kasse deutet lehnen wir jedoch abermals ab. Übereinstimmend sind wir der Meinung, dass draußen kein Schild sei und wir somit, man könnte sagen nach unserem europäischen Rechtsverständnis, nichts bezahlen bräuchten. Später denke ich, dass der Security sich möglicherweise nur vertippt hat, denn 15000, also umgerechnet etwa 3,50 € musste ich fürs Fotografieren im Museum oder Kloster schon mal bezahlen.

Über Fahrstuhl oder Treppe, ich nehme die Treppe, gelange ich im Inneren zur Aussichtsplattform auf dem Kopf des Pferdes.
Die beiden italienischen Touristen, beide Priester wie sie mir bei einem gemeinsamen Kaffee erzählen, sind anschließend vom Bischof zu einer mongolischen Hochzeit eingeladen. Das wäre natürlich ein Highlight. Im Eingangsbereich staut es sich derweil, stehen mittlerweile 13 Reisebusse auf dem Parkplatz im Gegensatz zu keinem als ich eintraf. Ich fahre nach Ulan Bator und habe dann doch noch meine Hochzeit.
Nachdem ich meine Unterkunft bezogen habe geht’s hinein in die Hochhausschluchten ins Zentrum zum „Sükhbaatar Square“. Der Platz ist nach einem Revolutionsführer und Mitbegründer der Volksrepublik Mongolei benannt. Ein Reiterstandbild von im steht in der Mitte. Das Parlamentsgebäude mit einem Denkmal von Dschingis Khan und weiteren seiner Nachfolger ist das beeindruckendste, aller um den Platz stehenden Gebäude. Mit dem Theater, dem Opernhaus und dem Kulturpalast ist der Platz gleichzeitig auch kulturelles und politische Zentrum der Stadt.
Mongolische Parlament

Von meiner Unterkunft aus sind alle anderen Sehenswürdigkeiten ebenfalls fußläufig mehr oder weniger gut zu erreichen, was ich am Abend aber auch spüren werde. Anfangs dachte ich noch daran mir eines der preiswerten Taxi zu nehmen, nachdem ich aber zeitweise schneller als der „Fließverkehr“ war, habe ich davon abgesehen. Die weiteren Sehenswürdigkeiten im Einzelnen sind schnell aufgezählt
Hochzeitspalast
Tschoidschin Lama-Tempel-Museum





Nationalmuseum
Gandan Kloster,

Zaisan Gedenkstätte
Wiknterpalast des Bogd Khans (letzter König der Mongolei)


Hard Rock Café 
Bei „Galleria“ am Sükhbaatar Platz gibt es auf zwei Etagen feinste Kaschmir Bekleidung für die Dame und den Herrn. Einen Herren Kurzmantel zB für ca. 550€, einen leichten Pullover für 100. Leider habe ich keinen Platz mehr in meinen Koffern.
Nun ist es nicht so, dass Ulan Bator nur aus Hochhäusern und Wolkenkratzern besteht. Es wird zwar viel gebaut, vor allem in die Höhe, aber ich laufe keine 45 Minuten und dann sieht es nicht mehr überall so rosig aus. Da steht dann ein kleines langsam verfallendes Kloster dort, wo eben nicht mehr alles Gold ist was glänzt. Wo man auch kein Eintrittsgeld mehr verlangen kann, wo ein Tourist so wie ich nur zufällig vorbei kommt und man trotzdem life dabei ist wenn die Mönche ihre Gesänge abhalten.


Ich sitze in einem koreanischen kleinen Restaurant. Fast möchte ich sagen wo auch sonst, denn ich habe das Gefühl mehr von Koreanern als von Mongolen umgeben zu sein. Es soll, so sagt man mir, aber keine besondere Verbindung zwischen der Mongolei und Korea geben, außer eben, dass Koreaner hier offenbar gerne Urlaub machen. Es muss mehr sein. Man spreche mongolisch, englisch und koreanisch lese ich gelegentlich. In fast jedem Supermarkt stehen Regale voller koreanischer Lebensmittel. Heute Morgen hatte ich das Gefühl nicht am Frühstücks- sondern an einem koreanischen Mittagsbuffet zu stehen. Nun sieht außerhalb von Deutschland, und dort im Besonderen auf dem Land, das Frühstück generell anders aus, kann man es zuweilen sogar als karg bezeichnen. Das hatte ich in einfacheren Unterkünften generell auch. Da muss eine Tasse Instant Kaffee und eine Scheibe Toast das man in zwei Spiegeleier stippen kann schon mal ausreichen. Das Frühstück in der Mongolei erinnert vielfach aber tatsächlich manchmal mehr an ein leichtes Mittagessen als an ein französisches oder italienisches Frühstückchen. Ich habe kein Problem mit dem Essen in der Mongolei. Zum Einen vertrage ich eigentlich alles und zum Anderen esse ich, weil man es kann, alles was auf einer Speisekarte steht. Ich gebe allerdings zu, dass ich gelegentlich auch etwas skeptisch bin was den Geschmack betrifft, aber ausspucken musste ich bis jetzt noch nichts. Andere Länder eben oder auch anderer Geschmack und andere Sitten.
Und Sitten besonders im Straßenverkehr. Abgesehen mal wieder vom ständigen Hupen in Ulan Bator, wird sich mir beispielsweise nicht erschließen, warum man mir, wenn ich überhole, schon von weitem mit Lichthupe im Rhythmus des Herzschlages eines Neugeborenen entgegenkommt. Aus eigener Erfahrung, weiß Gott, lasse ich seit Armenien mehr Vorsichtig walten als nötig. Eine Möglichkeit wäre, dass hierzulande bei einem Motorrad eher ein mongolisches, respektive ein chinesisches Motorrad erwartet wird und daher befürchtet werden könnte, dass dieses nicht rechtzeitig wieder werde einscheren können. Überholen auf Landstraßen wird generell sowieso nicht gerne gemacht so scheint es, zumal 80 km/h die absolute Höchstgeschwindigkeit ist. Auf mongolischen Straßen fahren gefühlt 95% Rechtslenker chinesischer Produktion, in Ulan Bator ist es etwas weniger, dort sehe ich nicht wenige hochwertige deutsche Autos von Porsche, Mercedes und BMW, so kann Rechtslenker und Rechtsverkehr schon mal seine Finessen haben. Will man beispielsweise überholen, dann kann es, bis man den Gegenverkehr zu sehen bekommt, für die linke Fahrzeugseite schon zu spät sein. Verdunkelte Seitenscheiben, stehende Kinder im Beifahrerraum, Handy Nutzung wo es nur geht und sicher auch mangelnde Sehkraft tragen zusätzlich zu einem gelinde gesagt sehr defensiven Fahrverhalten bei. Unfälle sehe ich denn auch wenige, außerhalb von Ulan Bator wegen eines Achsbruches oder eines anderen Reifenproblems liegengebliebene Fahrerzeuge schon eher.
wenn man eine Sperrung zu spät sieht

Auf dem Weg zurück zum Hotel komme ich an einer großen Bronzefigur vorbei. Ein Bulle mit markant abstehenden Hoden. Ich will gerade ein Foto machen als eine Frau an die Figur herantritt und beide Hände über diese Hoden gleiten lässt. Als sie weitegeht erkenne ich am schimmerndem Messing, dass sie nicht die einzige gewesen sein kann.

Im Hard Rock Café gönne ich mir und meinen Füßen bei guter Musik einen Absacker. Das illuminierte Ulan Bator kommt morgen. Oder übermorgen. Vielleicht.
Ich werde mir wohl noch etwas dickeres zum Anziehen kaufen müssen denn es ist kühler geworden. Die Managerin meiner Unterkunft bestätigt mir auf Nachfrage meine Gedanken der letzten Tage, dass sich der Herbst langsam ankündigt. Der August sei im Allgemeinen zwar noch recht gut aber dann ginge es bald mit den Temperaturen abwärts. Sowohl der Schneefall im Juni diesen Jahres in Ulan Bator als auch die starken Regenfälle der letzten Tage in der Wüste Gobi und auch der Hagel vor vier Tagen seien aber nicht normal. Der heutige Vormittag jedenfalls bietet sich für einen Besuch im Nationalmuseum an.
Den Nachmittag beginne ich im 5 Sterne Hotel „The Blue Sky“ gegenüber des Sukhbaatar Square bei einem Cappuccino der nach langer Zeit mal wieder das ist was er sein sollte. Gut.
Der Abend startet dann mit einem Besuch im Nationaltheater und klingt auf der 23. Etage in der Lounge des „The Blue Sky“ aus. Hard Rock Café war gestern.
Nationaltheater

Den letzten Tag in Ulan Bator verbringe ich damit Zollerklärungen für Russland auszufüllen und Bargeld umzutauschen. Was in Kasachstan noch funktionierte geht in der Mongolei nicht. Ich bekomme bei jeder Bank in Ulan Bator theoretisch etliche Währungen nur keine Rubel, aktuell auch keine Euro, also tausche ich in Dollar um. Etwas umständlich zwar und kostet zusätzliche Wartezeit, weil die erste Bank mir nur im Gegenwert von 250€ täglich den Umtausch gewährt, und ein paar wenige Gebühren, aber so musste ich wenigstens nicht die ganze Zeit mit viel Bargeld herumreisen.
Für etwa 2 € Ich gönne mir nun doch ein Taxi. Vier Kilometer Fußmarsch zur Zaisan-Gedenkstätte auf einem Hügel am Rande der Stadt mit phänomenalem Blick über Ulan Bator, möchte ich mir dann doch ersparen, denn auf dem Rückweg liegt noch der Bogd Khan Winterpalast.
