Die Passkontrolle und die anschließende akribische Fahrzeugkontrolle habe ich hinter mir, da werde ich vom englisch sprechenden russischen Grenzbeamten, der von seiner meinen Pass kontrollierenden Kollegin herbeigerufen worden war, aufgefordert ihm zu folgen.
Mit einem weiteren Grenzbeamten im Rücken folge ich ihm in sein Büro. Was ich mit der Ukraine zu tun hätte, will er mit ernster Miene wissen. "Nothing!“ antworte ich ihm, worauf er mir meinen Pass vorlegt und auf einen ukrainischen Einreisestempel deutet. Ich meinerseits deute auf das Datum von 2012 und ergänze „Tourist!“. Ein paar wenige Fragen später kann ich gehen. Die Ausreise dauert trotz eines vor mir abgefertigten Reisebusse keine 2 Stunden. Nach etwa 30 Minuten Fahrt gelange ich an einen letzten russischen Posten unmittelbar an der Grenze zur Mongolei. Nach weiteren 20 Minuten Fahrt komme ich zur mongolischen Grenzabfertigung und durchlaufe den Kontrollbereich ohne weitere Probleme. Alles in allem vier Stunden.
Nach etwa 100 Kilometern auf eigentlich gutem Asphalt, kurz vor Ölgii, einer kleinen Stadt mit knapp 40000 Einwohnern in der ich zwei Nächte bleiben werde, steht eine Hochzeitsgesellschaft zwecks Fotoshooting an einem Monument. Ich halte an. Während sich die Braut auf der anderen Straßenseite für den Fotografen postiert kommen 5 junge Männer auf mich zu. Sie strecken mir einer nach dem anderen ihre Hände zum Gruß entgegen. In Englisch unterhalten wir uns ein wenig bis von drüben der Ruf nach dem Bräutigam erklingt. Die Fünf verabschieden sich per Handschlag und gehen hinüber zur Braut.

Schon bei der mongolischen Grenzkontrolle war mir eine ganz andere Freundlichkeit entgegengeschlagen als noch auf der russischen Seite und sie scheint sich fortzusetzen. Entgegenkommende Fahrzeuge, manchmal ist es gefühlt alle 3-4 Minuten eines, grüßen mit Lichthupe, Polizei habe ich hier auf der Straße noch nicht gesehen, oder hält und spricht man mich an, wenn ich selbst mal angehalte. Schade, dass ich deren Freundlichkeit nicht in Worten erwidern kann. Und so bleibt es meist bei Handzeichen und kleinen Gesten.
Als nächstes werde ich mir eine SIM-Karte und Geld besorgen. Die Währung in der Mongolei nennt sich Tögrög (MNT), die größte Einheit sind 20.000 Tögrög, nicht ganz 5 €. 2.000.000 Tögrög entsprechen etwa 470 Euro. Da hat man die Taschen ziemlich voller Geld (-scheine). In einem kleinen Supermarkt beobachte ich, wie aus einem Schuhkarton das Wechselgeld herausgewühlt wurde. Die Fingerfertigkeit einen kleineren Stapel Geldscheine mit einer Hand zu zählen ist schon erstaunlich.

auch viel Kohle
Ich besuche das örtliche Museum weil es mir von einem Einheimischen empfohlen worden ist. Ich bin der einzige Besucher. Als ich den Kassierer in einem Nebenraum entdecke, schreckt er fast hoch, sucht dann schnell alles zusammen was ein Kassierer so benötigt und eilt zum Kassentresen. Anschließend werden die Türen zu den Exponaten aufgeschlossenen und das Licht angemacht.
Im Museum
Das Theater

Und da ansonsten in der Stadt nicht viel los ist, setze ich mich anschließend im höchsten Gebäude der Stadt in die Bar in der 10. Etage und genehmige mir einen Drink.
Gut zu wissen: In der App des auswärtigen Amtes lese ich, dass es in der Mongolei noch die Pest gebe. Überträger seien infizierte Murmeltiere und deren Flöhe. Murmeltiere gelten in der Mongolei als Delikatesse. Es käme aber nur beim direkten Kontakt mit lebenden Tieren oder bei deren Verarbeitung zur Übertragung. Hm, na wenn das so ist, Murmeltier hatte ich auch noch nicht…
Nein, kein Murmel sondern ein Trampeltier
Die Mongolei ist mehr als 4 mal so groß wie Deutschland hat aber nur ca 3,5 Millionen Einwohner, von denen über 40% in der Hauptstadt Ulaanbaatar oder auch Ulan Bator leben. Die Mongolei ist damit das dünnbesiedelste Land der Welt. Verlasse ich die nicht immer großen Ortschaften entlang der Strecke, dann bin ich schnell umgeben von weiter, auch hügelige teils bergiger, selten grüner, dafür aber ockerfarbener Umgebung. Werden Mars 1, Mars 2 und Luna im Altai noch als touristische Highlights vermarktet, bin ich nahe zu davon umgeben. Dennoch sind zumindest die ersten 400 km seit der Grenze abwechslungsreicher als ich anfangs dachte und beispielsweise der Schwarzwald mancherorts sein kann. Jeder Kilometer sieht anders aus. Ich denke ich habe gut daran getan meinen Streckenverlauf von der Nordroute, mit überwiegend Offroad, auf die Südroute mit Asphalt zu verlegen, denn atemberaubende Landschaften sehe ich im Überfluss und deutlich schneller ist es auch.




In Chowd gönne ich mir nach zwei Nächten in der Jurte ohne fließend warmen Wasser und dem Plumpsklo über den Hof, dafür inklusive Halbpension nur 20€ von den drei Hotels der Stadt das mit den meisten guten Bewertungen. Restaurant, warme Dusche und weicheres Bett inklusive.
vorher...
...nachher
Die Sehenswürdigkeiten der Stadt scheinen laut der jungen Frau an der Rezeption schnell aufgezählt. Das Museum. Den Eintritt hätte ich mir allerdings sparen können. Abgesehen einmal davon, dass man offenbar überall die gleiche stark riechende Lackfarbe für Türrahmen und Holzböden benutzt, ist es auch noch deutlich ärmlicher als in Ölgii. Überhaupt scheinen Kunst und Kultur wie in anderen Ländern auch am Ende der Empfängerkette zu stehen. Das Theater der Stadt macht da keine Ausnahme. Hier habe ich aber das Glück einen Handwerker oder was auch immer zu treffen der, nachdem ich ihm meine volle Bewunderung für das Foyer entgegenbringe, anfangs etwas unsicher wirkend mich eine Etage höher führt. Alles ist stockdunkel. Meine Handykamera kann nicht zaubern und so bleibt der Innenraum fast im Verborgenen. Doch dann geht das Licht an und der „Handwerker“ lässt mich allein.
Das Bett in der Jurte in Ölgii war so hart, dass ich meine Luftmatratze drauflegen musste, daher bleibe ich auch in Chovd zwei Nächte, aber nicht nur wegen der weichen Matratze und des angenehmen Ambiente. Die Landkarte zeigt nämlich, dass es im Gegensatz zum Rest der Mongolei im hiesigen Bereich noch einige Seen gibt. Morgen werde ich ihn verlassenen und dann vermutlich zwei Tage lang nur noch „Gegend“ zu sehen bekommen, so eintönig wie manchmal eine Fahrt entlang eines Nordseedeiches sein kann.
Airport one
Vorbei am „internationalen Airport“ von Chovd geht es ins Grüne. Nicht sofort, erst noch über Asphalt den der junge russische Biker gemeint haben könnte. Als ob man Kiesel in ein dünnes Asphaltbett nicht weit genug hineingewalzt hätte.

Im Umfeld des Sees erscheint der Kontrast Grün zu Ocker dann doch ein wenig surreal. Auf der Rückfahrt treffe ich drei französische GS Fahrer plus Sozia. Zwei von ihnen sind Optiker. Sie haben nach einer privaten Sammelaktion eine kleinere Ladung Brillen an entsprechende Stellen zur Verteilung übergeben und sind jetzt auf dem Rückweg über Murmansk.

Das wiederum bringt mich auf eine Idee. Über Nowosibirsk und Jekaterinenburg nach Kasan wollte ich in Russland sowieso zurückfahren und dann in Kasan entscheiden ob ich über Georgien und die Schwarzmeerküste oder über das Baltikum weiterfahren werde. 2020 musste ich Corona bedingt meine Tour durch Westrussland canceln. Wenn es also das Baltikum werden sollte, dann könnte ich doch einen kleinen nördlichen Schlenker einbauen und so über den so genannten “Golden Ring“ und Murmansk über das Baltikum zurück nach Deutschland fahren?! Ich habe ja noch Zeit es mir zu überlegen.
Aber im Augenblick liegen für die kommenden beiden Tage etwa 830 Kilometer vor mir und werde ich in Altai und in Bajanchongor übernachten. Dann hätte ich den Einstieg in meine Rundreise zu den interessanten POIs erreicht. Etwa 90 % der Straßen in der Mongolei sollen allerdings nicht asphaltiert sondern Schotterpisten sein. Die Frage wäre also, ob ich im Gegensatz zu einem SUV die POIs auch erreichen kann.. Schotter wäre nicht das Problem nur Sand und davon gibt es hier mehr als genug.
