Chamäleon

Chamäleon

Nachdem ich Almaty verlassen habe sieht alles ein wenig anders aus.

Zuerst werden vereinzelt die Straßen schlechter, sind ansonsten aber in einem meist guten Zustand. Schlaglöcher sind selten, Schotterpisten noch mehr. Dann werden die Fahrzeuge älter und unfallbeschädigter, allerdings noch weit davon entfernt von dem was ich in Kirgisistan und auch in Bischkek gesehen habe. Luxusfahrzeuge und Motorräder wie in Europa sehe ich im Grunde nicht mehr. Je weiter ich Almaty hinter mir lasse umso größer wird das Gefälle zwischen ehemaliger Hauptstadt und ländlicher Region. Die Landschaft wird karger. Ockertöne beherrschen das Bild. Almaty hingegen war nicht nur farbig und bunt sondern vor allem grün. Parks und jede Menge Bäume in vielen Straßen durch die ich schlenderte. Unzählige Springbrunnen die nicht nur am Sonntag liefen. Mir war klar, dass sich dieses Bild nicht auf das gesamte Land übertragen ließe, aber der Unterschied ist schon krass. 

Ich komme zum Charyn Canyon, bzw. erst einmal an einen Schlagbaum und muss 1600 Tenge (2,65€)  Eintritt bezahlen. 500 m weiter ein fast voller Parkplatz auf dem auch  4 Reisebusse stehen. Zu mehreren oberen und bequem zu erreichenden Aussichtspunkten sind es etwa 800 m. Ein weiterer etwa doppelt so weiter Weg führt durch einen „Seitenarm“ des Canyon runter zum Fluss. Zelten, erfahre ich im Besucher Center, könne ich dort, allerdings nicht mit meinem eigenem Fahrzeug hinfahren. Es gäbe einen Shuttle der mich für 800 Tenge zum Fluss bringen und auch das Gepäck mitnehmen würde. Da ich allerdings mein Gepäck eine steile Treppe hinunter zur Haltestelle im Canyon schleppen müsste verzichte ich aufs Campen. Ich nehme zwar die Treppe, gehe dann aber zu Fuß zum Fluss. Zurück nehme ich den Shuttle. Es ist der letzte an diesem Tag.

Von der Sonne habe ich heute wegen der Wolkendecke wenig gesehen, aber sie geht bald unter. Das Zelt hier irgendwo aufzuschlagen ginge, aber der Untergrund ist nicht nur steinig, er ist mit kleinen Steinen übersät. Zudem ist es sehr windig geworden und ziehen in der Ferne dunkle Wolken auf. Ich sehe also zu aus dieser Region zu verschwinden um mir ein anderes Plätzchen zu suchen, doch sieht es überall gleich aus, zudem freies Feld soweit das Auge reicht. 

Es dämmert als ich von der langgezogenen Hauptstraße abbiege in der Hoffnung im nahen Dorf auf einer Rasenfläche unter Bäumen oder ähnlichem vielleicht mein Zelt aufschlagen zu können. Unschlüssig weil erfolglos frage ich in einem kleinen Lebensmittelladen, einem so genannten Magazin, habe jedoch Kommunikationsprobleme. Die Frau hinter dem Tresen weiß sich aber zu helfen und wenig später spreche ich mit einer anderen Frau ein paar Brocken englisch. Sie habe für 5000 Tenge ein Zimmer. Ich folge ihr auf meinem Motorrad doch das angepriesene Zimmer mit Bett ist der absolute Reinfall. Offenbar wittert man die Chance ein paar Tenge zu verdienen und bietet mir eine Schlafcouch im Wohnzimmer an. Eine Dusche, Abendessen und Frühstück gäbe es auch und schon haben wir einen Deal noch nicht ahnend, dass es eine Eintrittskarte der besonderen Art sein wird.

Ich sitze zwischen dem Hausherrn und der Hausfrau auf einer Bank am Tisch, mir gegenüber der etwa 20-25 jährige Sohn und seine Ehefrau, Eltern eines Neugeborenen. Die Ältere zu meiner Rechten trägt eine weites Kleid mit floralem Muster und kein Kopftuch, ihre Schwiegertochter einen Zweiteiler aus hellroten Samt in der Art der Hausanzüge in den 60er bzw. 70er, gestylte Fingernägel und dazu ein weißes Kopftuch im Stil russisch-orthodoxer Frauen. Gegessen wird aus einem großen Teller in der Mitte des Tisches der mit kleingeschnittenen Kartoffeln und Lammfleisch, auch an Knochen, gefüllt ist, rundherum liegt gebrochenes Brot. In eine kleine Schale schenkt mir die Schwiegertochter jeweils zu gleichen Teilen einen kleinen Schuss Milch aus der Tetra Packung und aus einer Kanne schwarzen Tee ein und füllt es dann mit heißem Wasser auf. Geschmacklich wie verdünnte Milch mit einem Hauch von Tee. 

Etwas zurückhaltend beginne ich eine Kartoffel aufzuspießen. Die Frau des Hauses nimmt daraufhin ihre eigene Gabel und schon habe ich ein kleines Stück Lammkeule auf meinem kleinen Teller, wobei mir auffällt, dass die anderen keine Teller haben. 

Ich sitze in der Küche dieser Familie die meilenweit von Almaty entfernt zu sein scheint. Schlimmer noch. Seine Mutter möchte offenbar Tee und ihr Sohn gebietet seiner Frau durch ein kurzes Handzeichen seine Mutter zu bedienen. Wortlos kommt sie der Aufforderung nach. Sie steht auf, nimmt die Schale der Schwiegermutter, spült sie im Waschbecken ab und schenkt ihr anschließend ein. Sie beteiligt sich im Grunde auch nicht an den Gesprächen und hält fast demütig die meiste Zeit ihren Kopf gesenkt. Nur einmal, als alle lachen, lacht sie fast geräuschlos kurz mit und lacht, als sie mich kurz ansieht, sich selbst beherrschend erneut auf, verlässt dann aber umgehend den Raum. Ich interpretiere es als respektvolle Geste mir gegenüber, da ich annehme, dass ich Gegenstand dieser Erheiterung war. Wenig später setzt sie sich wieder zu uns. 

Nach einem erneuten kurzen Handzeichen ihres Manns schenkt sie mir Tee nach. Ich kann das nur schwer aushalten. Ich hatte davon gelesen, dass Schwiegertöchter schon mal wie Mägde „gehalten“ werden und ich bekomme den Eindruck es unmittelbar zu erleben. Mein Appetit war schon vorher nicht groß nun ist er mir vergangen. Ich ziehe mich zurück. 

Im Juli, so hatte ich angenommen, sei es in Kasachstan unerträglich heiß und gebe es keine Wolken am Himmel. Das jedenfalls dachte ich ja auch schon von Kirgistan, aber es ist bald mehr bedeckt bis vereinzelt regnerisch, als das ich Sonnentage gehabt hätte. Das macht das Reisen auf dem Motorrad zumindest erträglicher.

Die Sonne scheint und nach einem frühen Frühstück fahre ich noch einmal zum Charyn Canyon. Mehr Sonne, anderes Licht, andere Farben und noch mehr Early Birds wie mich. Um 9 Uhr stehen bereits 3 Reisebusse auf dem Parkplatz doch da bin ich schon wieder zurück bei meinem Motorrad. Es ziehen Wolken auf die mich den Rest des Tages begleiten werden. Meistens bleibe ich trocken, die Temperaturen sind aber angenehm. Unzählige Kilometer geht es geradeaus. In Schmarkent nahe der chinesischen Grenze finde ich ein günstiges Hotel und besichtige „Die Pagode“ eine Ende des 19. Jahrhunderts erbaute Moschee in chinesischen Stil erbaut.  

War es seit ich Almaty verlassen hatte überwiegend karg und ockerfarben bin ich überrascht wie grün Kasachstan dann doch sein kann. Mähdrescher kommen mir zuweilen entgegen und weite Flächen mit Mais, Weizen aber auch Schilf so weit das Auge reicht. Ich fahre durch ein weites grünes Tal, umringt von Bergrücken an denen weiße Wolken hängen vor hellblauem Hintergrund. Spontan kommt mir der Gedanke „Kasachstan kann auch Allgäu“. Aber sobald ich die Hügelketten und Bergrücken hinter mir lasse geht das satte  erst über in ein gelbliches Grün bis es dann wieder zu Ocker wird.

Der Altyn-Emel-Nationalpark ist mein nächstes und im Grunde letztes geplantes Ziel in Kasachstan. Die Tankstelle kurz hinter Basshi, dem Dorf in dem man sich anmelden und ein Ticket kaufen muss ist geschlossen, die nächste ist 65 km entfernt. Na irgend jemand wird schon was haben. Ich habe beschlossen im Dorf zu übernachten. Es ist mir zwar gelungen den dunklen Wolken mehr oder weniger auszuweichen, nun kündigt sich aber ein Gewitter mit fernem Donnergrollen an. Dann eben morgen.

In einem Homestay bekomme ich nicht nur ein Zimmer mit Bad sondern treffe ich einen Tourguide, der mit seinen drei russischen Touristinnen, Oma, Tochter, Enkeltochter, heute noch in den Park zu einer fast 70 km entfernten, marsähnlichen Felsformation den „Aktau Mountains“ fahren will. Es sei bestes Wetter, morgen werde es heiß, meint er. Na dann, aber er wird Recht behalten. Ich schildere ihm mein Benzinproblem und wenig später sitze ich in seinem Toyota „Tundra“ Pick-Up auf dem Weg zu einem lokalen Guide und habe anschließend 10 Liter feinstes 92er Benzin im Tank. Geld möchte er nicht haben, er schenke es mir. Apropos. Der Benzinpreis liegt zur Zeit durchgängig für 92er Benzin bei 220 Tenge ( 0,36€) und für 95 er Benzin bei 280 Tenge (0,46€).  

Nach der Aussage des Guide entschließe ich mich dann doch noch in den Park zu den "Aktau Mountains" zu fahren. Nach längerer Zeit mal wieder Schotterpiste, aber eine die es teilweise in sich hat. Waschbrett. Es dämmert bereits als ich nach über 3 Stunden im Outback zu meiner Unterkunft zurückkomme. Es war eine sehr gute Entscheidung zu fahren, denn die Sonne am Nachmittag brachte unglaubliche Farben hervor.

 Leider wurden durch das Gerüttel auf der Waschbrettpiste meine Wasserflasche und meine eiserne Ration, eine Dose Bier "zerschossen". Dabei wurde unter anderem meine Medikamententasche unter Wasser gesetzt und ich musste einen Teil der Medikamente entsorgen. Die Kohletabletten, die ich zwecks Platzeinsparung aus dem Blister genommen und in eine kleine Dose getan hatte, sind durch das Gerüttel pulverisiert worden. 

Morgen fahre ich erneut in den Park zur "Singenden Düne". Ich werde es den beiden Guides im homestay gleichtun und schon frühzeitig starten um den erwarteten über 40 Grad ein kleines Stück zu entgehen. Auf die Düne klettern, um das „Singen“ zu hören werde ich mir aber nicht antun. 
Und danach geht es nordwärts zur Grenze nach Russland, die ich in 3-4 Tagen erreichen möchte.